Zusammenfassung
Die 46,XY-Partielle Gonadendysgenesie (46,XY-PGD), eine Störung der Geschlechtsentwicklung (DSD), ist gekennzeichnet durch anomale Entwicklung der Gonaden mit daraus folgender, unterschiedlich stark ausgeprägter Intersexualität der Genitalien. Der Phänotyp der PGD-Patienten mit 46,XY-Karyotyp reicht von einem fast normal weiblichem Erscheinungsbild mit großer Klitoris bis zu einem fast normal männlichen Erscheinungsbild mit isolierter Hypospadie.
Die Prävalenz ist nicht bekannt.
Bei vielen Patienten mit intersexuellem Genitale oder schwerem Mikropenis ist das Hodengewebe ein- oder beidseitig vollständig zurückgebildet. Das Embryonale testikuläre Regressionssyndrom (ETRS) wird als Teil des klinischen Spektrums der PGD angesehen. Abhängig von der jeweiligen ursächlichen Mutation (sh. unten) besteht bei den Patienten entweder eine Nebenniereninsuffizienz oder eine Nierenbeteiligung (z.B. Wilmstumor oder nephrotisches Syndrom). Bei 20-30% der Patienten treten Gonadoblastome oder invasive Keimzelltumoren auf.
Die 46,XY-PGD ist eine heterogene Krankheit mit partiell eingeschränkter Funktion der Leydig- und Sertoli-Zellen als Folge von Deletionen oder Punktmutationen im SRY-Gen (Yp11.3) oder von Duplikationen des dose-sensitive sex reversal-Gens NROB1 (Xp21.2). Die meisten SRY-Mutationen sind Neumutationen. Bedeutsamer sind Mutationen im SF-1<7I>/ NR5A1-Gen (9q33.3) für SF-1, den Steroidogenen Faktor 1. SF-1 ist ein nukleärer Rezeptor, der verschiedene an der Entwicklung der Nebenniere und Gonaden, an der Bildung von Steroiden und an der reproduktiven Achse beteiligte Gene reguliert. Deshalb kann bei den Patienten auch eine Nebenniereninsuffizienz bestehen. Syndromale Formen der 46,XY-PGD sind mit Mutationen des WT1-Gens (11p13) assoziiert und gekennzeichnet durch unterschiedlich ausgeprägte Hodendysgenesie und ein erhöhtes Risiko für Nierenanomalien, vor allem für Wilms-Tumor und nephrotisches Syndrom.
Zur Diagnose führen die klinischen Befunde, zytogenetische Analyse, endokrinologische Befunde, molekulare Analysen und manchmal Laparatomie und Biopsie.
Differentialdiagnosen sind alle Formen von syndromaler 46,XY-Gonadendysgenesie (z.B. Frasier-Syndrom, Kampomele Dysplasie; 46,XY-DSD mit Nebennieren-Insuffizienz) und die 45,X/46,XY-Gemischte Gonadendysgenesie (45,X/46,XY-MGD). Wichtig für Betreuung und Prognose ist das Fehlen einer 45,X-Zellinie.
Eine vorgeburtliche Diagnostik ist möglich bei vorangegangenen Fällen in der Familie, oder wenn die Sonographie Hinweise auf eine Fehlbildung der Genitalien ergibt.
Eine genetische Beratung ist unerlässlich.
Die Betreuung der Patienten muss durch ein multidisziplinäres Team erfolgen. Erforderlich ist auch eine psychologische Beratung der Eltern. Kriterien für die Zuordnung des sozialen Geschlechtes sind die kausale Diagnose, die Größe des Penis, ethnische Traditionen, Geschlechtsidentität und die Akzeptanz des zugeordneten Geschlechts durch die Eltern. Patienten mit sozialem weiblichem Geschlecht und Uterus werden zur Induktion der Menstruation mit Östrogen und Progesteron behandelt, andernfalls mit Östrogen allein. Patienten mit sozialem männlichen Geschlecht werden mit Androgenen substituiert, darunter auch Testosteron-Injektionen. Chirurgische Eingriffe zur Entwicklung adäquater äußerer Genitalien und zur Entfernung nicht mit dem sozialen Geschlecht vereinbarer innerer Strukturen sollen vor einem Alter von zwei Jahren durchgeführt werden. Bei als Mädchen aufgezogenen Patienten sollen vor der Pubertät beide Gonaden entfernt werden. um einer Degeneration des dysgenetischen Gewebes zuvorzukommen und dem hohen Risiko eines gonadalen Malignoms zu begegnen.
Durch frühe Diagnose, Operation und Hormonbehandlung werden relativ gute kosmetische und funktionelle Ergebnisse erhalten. Praktisch immer besteht eine Infertilität.
Gutachter
Aktualisiert am: April 2011