Zusammenfassung
Das Marinesco-Sjögren-Syndrom (MSS) gehört zur Gruppe der autosomal-rezessiven zerebellären Ataxien. Die Prävalenz liegt sehr wahrscheinlich unter 1-9:1.000.000. Der Beginn ist im Kleinkindalter. Hauptsächliche Symptome des MSS sind zerebelläre Ataxie, kongenitale Katarakt und verzögerte psychomotorische Entwicklung. Häufige Symptome sind dazu Dysarthrie, Nystagmus, Muskelschwäche und Muskelhypotonie. Eine demyelinisierende periphere Neuropathie führt zur Areflexie. Einige Patienten haben Krisen von Rhabdomyolyse mit dauernder oder passagerer Erhöhung der Serum-Kreatin-Kinase. Häufig haben die Patienten einen hypergonadotropen Hypogonadismus. Histologisch zeigt der Muskel eine neurogene Atrophie und myopathische Veränderungen mit umrandeten Vakuolen. Am Kleinhirn besteht eine Rindenatrophie mit vakuolisierten oder doppelkernigen Purkinje-Zellen. Es wurde vermutet, daß das MSS mit Myoglobinurie und die Neuropathie mit kongenitaler Katarakt und fazialen Dysmorphien (CCFDN) genetisch identisch sind, da sie beide in der Chromosomenregion 18qter kartieren. Dagegen wurde aber ein Lokus für klassisches MSS in die Region 5q31 kartiert. Kürzlich wurden im SIL1-Gen, das in dieser Region liegt, ursächliche Mutationen gefunden. Das Gen kodiert für einen Faktor, der an der korrekten Faltung von Proteinen beteiligt ist. Der Verlust seiner Funktion führt zur Anhäufung ungefalteter Proteine und zur Zellschädigung. Die Diagnose wird klinisch gestellt. Eine ophthalmologische Untersuchung dient dem Nachweis oder Ausschluß einer Katarakt, mit Magnetresonanz-Bildgebung (MRI) kann eine Kleinhirnatrophie aufgedeckt werden. Dabei ist besonders der Kleinhirnwurm betroffen. Die Befunde im Muskelbiopsat sind im allgemeinen unspezifisch. Wenn die Mutation in der Familie gefunden wurde, ist eine vorgeburtliche molekulare Diagnostik möglich. Die Behandlung ist symptomatisch. Für den Erhalt der Sehkraft ist oft eine chirurgische Entfernung der Katarakt erforderlich. In Fällen mit Hypogonadismus kann eine Hormonersatztherapie notwendig sein. Physiotherapie und Beschäftigungstherapie sind unerläßlich. Die Patienten können, mit unterschiedlich schweren Behinderungen, ein hohes Alter erreichen. *Autor: Prof. F. Palau (Juni 2006)*.