Zusammenfassung
Das von-Hippel-Lindau (VHL)-Syndrom ist ein familiäres Syndrom mit Prädisposition zu verschiedenen bösartigen und gutartigen Tumoren, am häufigsten zu Hämangioblastomen der Netzhaut, des Kleinhirns und Rückenmarks, zu Nierenzellkarzinom (RCC; s. dort), und zum Phaeochromozytom (s. dort). Die Prävalenzen bei Geburt und in der Allgemeinbevölkerung werden auf 1:36.000 und 1:53.000 geschätzt. Beide Geschlechter sind gleich häufig betroffen. Das Alter bei der Diagnose beträgt im Mittel 26 Jahre, mit einem Bereich vom Kleinkindalter bis zum 7. Lebensjahrzehnt. Hämangioblastome der Netzhaut können die erste Manifestation sein. Meist verursachen sie keine Symptome, können aber Netzhautablösung, Makulaödem, Glaukom und Sehverlust zur Folge haben. Wenn Hämangioblastome im Zentralnervensystem (ZNS) auftreten, liegen sie oft im Kleinhirn, seltener im Hirnstamm und im Rückenmark. Begleitsymptome sind Kopfschmerzen, Erbrechen, Gangstörungen und Ataxie. Multiple Nierenzysten sind eine weitere mögliche Manifestation, und in vielen Fällen besteht ein lebenslanges, sehr hohes Risiko für ein RCC. Phäochromozytome sind entweder symptomlos oder verursachen Bluthochdruck. Weitere mögliche Manifestationen sind Zysten und Zystadenome der Epididymis und multiple Pankreaszysten. Bei bis zu 10% der Patienten wurden Tumoren im Innenohr (Sacculus) beschrieben, die zum Hörverlust führen können. Ursache des VHL-Syndroms sind Mutationen im VHL-Gen (3p25.3), einem klassischen Tumorsuppressor-Gen. Mutationen in diesem Gen haben eine hohe Penetranz. Das VHL-Syndrom wird autosomal-dominant vererbt. Die meisten Fälle werden durch Nachweis einer VHL-Keimbahnmutation diagnostiziert. Bei positiver Familienanamnese ist eine klinische Diagnose durch Erkennung schon eines einzelnen typischen Tumors (z.B. Netzhaut- oder ZNS-Hämangioblastom oder RCC) möglich. Ohne weitere Fälle in der Familie (ca. 20% der Fälle sind Neumationen) ist zur sicheren Diagnose der Nachweis mehrere Tumoren (z.B. zwei Hämangioblastome oder ein Hämangioblastom und ein RCC) erforderlich. Ein vollständiges Blutbild, Messung der Katecholmetaboliten im Urin, Urinanalyse und -zytologie geben diagnostische Hinweise auf Polyzythämie, Phäochromozytom, Nierenanomalien und RCC. Bildgebende Verfahren (MRI, CT, Ultraschall) dienen dem Nachweis von ZNS-Tumoren, Phäochromozytom, Innenohrtumoren, Nierentumoren und Nieren- und Pankreaszysten. Differentialdiagnosen sind Multiple endokrine Neoplasie, Neurofibromatose, Polyzystische Nierenerkrankung, Tuberöse Sklerose, Birt-Hogg-Dube-Syndrom (s. diese Termini) und Syndrome mit Mutationen in den Untereinheiten der Succinat-Dehydrogenase (SDHB, SDHC und SDHD). Den Patienten und ihren Familien soll eine genetische Beratung angeboten werden. Wenn bei einem betroffenen Familienangehörigen die krankheitsverursachende Mutation gefunden wurde, ist eine vorgeburtliche Diagnostik durch molekulare Analyse von Amnionzellen oder Chorionzotten möglich. Die beim VHL-Syndrom auftretenden Tumoren werden primär chirurgisch behandelt. Die Patienten müssen lebenslang medizinisch überwacht werden. Die Prognose wird durch das mehrfache Auftreten von Tumoren bestimmt. Die häufigste Todesursache beim VHL-Syndrom ist das RCC, gefolgt von Hämangioblastomen des ZNS. Die mittlere Lebenserwartung betrug früher 49 Jahre. Durch regelmäßige Überwachung und frühe Behandlung der Tumoren werden Morbidität und Mortalität reduziert.
Gutachter
Aktualisiert am: Oktober 2009